Energie und Entropie; physikalische Systeme, Zustände, Größen (sounds rather boring…)
24. April 2009Wenn man über thermische Phänomene redet, kommen Energie, Temperatur und Entropie ins Spiel. Was bedeuten diese Konzepte eigentlich? Was ist Entropie und wie unterscheidet sie sich von der Temperatur?
In der Physik versuchen wir immer, ein Phänomen so einfach wie möglich zu beschreiben. Ein Schritt auf diesem Weg besteht darin, dass wir nur den Ausschnitt der Welt betrachten, der wirklich wichtig zum Verständnis ist. Wollen wir wissen, wie lange eine Kugel fällt, die einen Meter über dem Fußboden losgelassen wird, dann interessiert uns weder die Art noch die Temperatur der Kugel. Ebenso wenig diskutieren wir die Farbe des Fußbodens. Wichtig ist nur die Masse der Kugel und die Höhe über dem Fußboden. Bei unsere Suche nach der Einfachheit machen wir also zwei Vereinfachungen: zunächst schränken wir den Betrachtungsgegenstand räumlich ein und lassen z.B. den Tisch, der neben der Kugel steht weg. Dann aber nehmen wir auch von irrelevanten Eigenschaften des Betrachtungsgegenstandes Abstand, etwa von der Farbe oder der Temperatur der Kugel. Übrig bleibt ein Modell eines Ausschnittes der Wirklichkeit. Dieses Modell nennen wir das betrachtete physikalische System oder einfach nur das System. In unserem Fall ist das System schlicht ein Punkt, der drei Eigenschaften hat: eine Masse, eine Geschwindigkeit und eine Höhe über dem Fußboden. Diese Eigenschaften heißen physikalische Größen. Alles Weitere interessiert uns nicht. Wenn wir den Fall der Kugel untersuchen, ändert sich deren Masse nicht, wir können also die Masse auch außer Acht lassen. Sie ist ein Parameter des Systems. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hat die Kugel nun eine bestimmte Geschwindigkeit v und eine bestimmte Höhe h über dem Fußboden. Wir sagen, sie befindet sich im Zustand (v, h). Interessant ist, dass sich ein physikalisches System immer - also zu jedem Zeitpunkt - in einem bestimmten Zustand befindet! Dann haben alle physikalischen Größen des Systems bestimmte Werte.
Nun wird das System durch eine bestimmte physikalische Theorie beschrieben, die in der Regel eine Spezialisierung einer allgemeineren Theorie auf das betrachtete System ist. Viele physikalische Theorien sind folgendermaßen beschaffen: sobald der Zustand des Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben ist, lässt sich der Zustand zu einem beliebigen anderen Zeitpunkt berechnen.
Jetzt haben wir genügend vorgeplänkelt, um die Eingangsfrage beantworten zu können. Dazu müssen wir das Szenario „Zum Zeitpunkt t0=0 wird die ruhende Kugel in der Höhe h0 losgelassen“ in die mathematische Sprache übersetzen. Offensichtlich bedeutet das „zum Zeitpunkt t0 befindet sich das System im Zustand (v=0, h=h0)“. Wie lautet die notwendige physikalische Theorie? Sie ist ein Spezialfall von Newtons Mechanik und besagt: „Die Änderung der Geschwindigkeit ist gleich der konstanten Erdbeschleunigung g“. Und das reicht schon, um die Bahn den Teilchens zu berechnen: es ist h(t) = h0 – (g/2)t2. Der Rest ist lediglich Mathematik. Wir suchen den Zeitpunkt t1 an dem die Kugel auf dem Boden aufschlägt, also für den h(t1)=0 gilt.
Geschwindigkeit und Höhe sind nicht die einzigen physikalischen Größen unseres Systems. Jedes System besitzt die physikalische Größe Energie (die Energie ist die einzige physikalische Größe mit dieser Eigenschaft!). Da aber Geschwindigkeit und Höhe schon den Zustand des Systems festlegen, muss die Energie eine Funktion dieser beiden Größen sein. In der Tat hängt die Energie der Kugel mit deren Masse und Geschwindigkeit durch E=(m/2)v2 zusammen. Die Energie ist also proportional zur Masse der Kugel und wächst quadratisch mit deren Geschwindigkeit. Die Energie ist im vorliegenden Fall so was wie ein Maß dafür, welchen Schaden die Kugel anrichtet, wenn sie auf dem Fußboden aufknallt.
So. Jetzt schauen wir ein anderes System an, nämlich einen Eimer voll mit Wasser, und diskutieren dessen thermische Eigenschaften. Natürlich können wir den Eimer auf den Boden fallen lassen, dann sind wie oben dessen Geschwindigkeit und Höhe über dem Fußboden wichtig. Für die Diskussion der thermischen Eigenschaften spielen diese Größen aber keine Rolle. Ebenso wenig ist die Form des Eimers, ja, der Eimer selbst irrelevant. Es spielt nur die Tatsache, dass es sich um Wasser handelt, die Menge des Wassers und dessen Temperatur eine Rolle. Die Wassermenge ist hier wieder ein Parameter. So wie oben die Newtonsche Mechanik die Theorie ist, die Systeme von der Art der fallenden Kugel beschreibt, ist nun die Thermodynamik die Regentin des Geschehens. Diese physikalische Theorie verwendet zur Beschreibung des Zustandes des Wassers zunächst dessen Temperatur. Diese Größe reicht aber noch nicht aus, was wir uns ganz einfach folgendermaßen klar machen können: Lässt man eine Mischung aus Wasser und Eis eine Weile in Ruhe, so wird sie immer eine Temperatur von 0 °C (bei bestimmtem Druck) besitzen. Egal ob 10% oder 90% des Wassers gefroren ist (der Rest ist flüssig). Eine weitere Größe ist also notwendig, um den Zustand des Wassers zu charakterisieren, und das ist beispielsweise die Entropie. Die Entropie ist nichts anderes als das, was man umgangssprachlich als Wärme bezeichnet, und zwar die Menge Wärme, die im Wasser drinsteckt. Wir verwenden die Begriffe Wärme und Entropie also synonym. Ist nur 10% des Wassers gefroren, so steckt mehr Wärme im Wasser als wenn 90% gefroren sind. Heizt man das Wasser, etwa indem man es auf den Elektroherd stellt, so „pumpt“ man Wärme (bzw. Entropie) in das Wasser. Der Elektroherd selbst verliert dadurch keine Wärme, er erzeugt die abgegebene Wärme direkt aus elektrischer Energie.
Was hat das alles mit der Temperatur zu tun? Die Temperatur ist weitgehend unabhängig von der Entropie. Solange das Wasser teilweise flüssig und gefroren ist, kann man Wärme hineinstecken, die Temperatur bleibt aber gleich. Sobald aber das Eis weg ist, steigt die Temperatur an. Wenn man Wärme in das Wasser steckt, hat die Temperatur nur zwei Möglichkeiten: sie kann gleich bleiben oder wachsen, aber nie fallen.
Die Wärme ist eine Eigenschaft, die im System drinsteckt. Halbiert man das System in zwei gleiche Teile Wasser, so steckt danach in jedem der Teilsysteme die Hälfte der Wärme. Die Temperatur jedoch steckt nicht im System drin. Beide Teile haben dieselbe Temperatur wie das Ganze vor der Teilung.
Eine Analogie kann diese Gedanken weiter erhellen: es geht um einen Staudamm, in dem sich eine bestimmte Menge Wasser befindet (wir werden die Menge durch seine Masse charakterisieren) und der sich in einer bestimmten Höhe über dem Turbinenhaus befindet. Nehmen wir nun an man könnte die Höhe des Staudamms verändern. Dann korrespondiert die Höhe mit der Temperatur des Wassers im vorigen Beispiel und die Wassermenge im Staudamm mit der Wärme, die im Eimer Wasser steckt.
Sowohl im Eimer Wasser als auch im Staudamm steckt Energie, die man herausnehmen kann. Im Wassereimer geschieht das in der Form von thermischer Energie, im Staudamm von so genannter Lageenergie. Lassen wir also die Temperatur des Wassereimers konstant und nehmen die Wärmemenge S heraus. Mit der Wärmemenge nimmt man immer auch Energie heraus, und zwar gilt der Zusammenhang E = T·S. Je heißer das Wasser ist, desto mehr Energie „kommt mit der Wärme mit“. Ähnlich ist der Fall bei Staudamm. Nimmt man eine Menge Wasser der Masse m heraus (in dem man sie durchs Turbinenhaus abfließen lässt), ist diese stets von Energie begleitet, und zwar ist E = (g·h)·m. Die Wassermasse entspricht also der Wärmemenge und die Höhe (multipliziert mit der Gravitationskonstante g) der Temperatur.

